Christian Hohbach

Künstler im Spannungsfeld des Umbruchs

Bildinhalte

Ein Charakteristikum beim Aufbruch der Bildenden Kunst in die Moderne war der Ausbruch der Künstler aus den Ateliers ins Freie. Es entstand eine Gattung, die Plein Air-Malerei. Auch Christian Hohbach findet seine Motive vornehmlich außerhalb des Ateliers. Allerdings nicht in ländlichen Räumen, sondern in städtischen Quartiers. Hier liegt der Schwerpunkt seines derzeitigen Schaffens. Stadtansichten, Panoramen und idyllische Winkel sind dabei nicht sein Anliegen. Vielmehr schafft er sehr spezielle stadtcharakteristische und Stadt charakterisierende vielschichtige Stadtporträts, die sich aus einer Vielzahl von Details zusammensetzen. Seine Motive sucht und findet er fotografierend vor Ort ebenso wie beim Sichten und Sammeln von (fremden) Fotografien und gedruckten Reproduktionen in Archiven, entnimmt sie Zeitschriften und Büchern. Ein solcher Fundus städtebaulicher Szenerien stimuliert und aktiviert Hohbachs bildschöpferischen Prozess.

Dabei sind die Ergebnisse bei aller Variantenvielfalt nicht beliebig, haften ihnen nicht motivbedingte Richtungswechsel an. Vielmehr drückt sich seine persönliche Grundhaltung zur urbanen Umwelt, zur städtischen Zivilisation stilprägend aus. Diese erscheint von Zwiespältigkeit gekennzeichnet. Positiv wirkt auf der einen Seite das Behaustsein, das Beheimatetsein in einer historisch gewachsenen Kommune, das Eingebettetsein in ein gesellschaftliches, soziales Umfeld als Ankerpunkt. Hingegen haben nicht nur Megastädte mit ihrer Reizüberflutung und anderen Stressfaktoren für sensible Menschen einen bedrohlichen Charakter. Doch ein Zurück zur Natur ist für den städtisch Zivilisierten und durch Stadtkultur Sozialisierten praktisch, jedenfalls auf Dauer nicht möglich. Weder im Sinne der Kulturkritik eines Jean-Jacques Rousseau und wohl auch nicht in der künstlerischen Umsetzung Henri Rousseaus.

Christian Hohbach ist einer dieser Ambivalenten, die die Stadt lieben und an ihr auch gleichzeitig leiden. Er löst diesen Konflikt künstlerisch! Er zerbricht, zerstückelt und spaltet die Bilder gemauerter und betonierter alter und neuer Architektur, zerstört schönste Fassaden in entfesseltem Furor. In diesem als Befreiung zu wertenden Dekonstruktionsprozess erschöpft sich Hohbachs Arbeit jedoch nicht. Vielmehr ist die sich daran anschließende Konstruktionsphase von entscheidender Bedeutung. Dabei entsteht in einem radikal wirkenden schöpferischen Akt das Bild einer Stadt aus einer Vielzahl von Bruchstücken neu – ein neues Städtebild, klagend und hymnisch zugleich.

Gestalterische, formal-ästhetische Ausdrucksweise

Christian Hohbach verwendet konventionelle Darstellungsmittel – wie z.B. die seit der Renaissance bekannte Zentralperspektive – wie auch unkonventionelle, wenn er perspektische Konstruktionen entgegen der ihnen innewohnenden Logik einsetzt.

Er arbeitet mit Mischungen, indem er Collage mit Zeichnung und Malerei kombiniert. Er gestaltet konventionell dann, wenn er Bildebenen mit Vorder-, Mittel- und Hintergrund schafft, wenn er ein definiertes Oben und Unten benennt. Er arbeitet nicht mit bekannten tradierten Darstellungsmitteln, wenn er die Abbilder historischer wie aktueller Architektur fragmentiert und daraus eine Mixtur aus Bruchstücken und neu Geformtem schafft. So wird als unterschwelliges Thema immerwährendes Vergehen und neues Werden symbolisiert!

Indem er das Chaos für den Betrachter neu ordnet und den Blick im Bild bzw. durch das Bild führt im Sinne eines – wie er es nennt – zirkelnden Blickes, entstehen Kompositionsraster/Muster, die an tradierte anknüpfen. So dienen die gelegentlich auftauchenden menschlichen Figuren der Identifikation. Als Ankerpunkt im Bild gemeint, sind sie formal nicht völlig integriert, vermitteln so den Eindruck von Verlorenheit. Der Betrachter wird an Bekanntes erinnert und wird mit Neuem konfrontiert. Ersteres erleichtert das Lesen seiner Bilder, und das formal Neue erzeugt Aufmerksamkeit – und dies trotz seiner Zurückhaltung beim Einsatz von Farbe. Diese gibt seinen meist in Grautönen gehaltenen Arbeiten oft nur einen Stich in warme oder kalte Tonalität. Trotz dieser farblichen Reduziertheit kommen nicht nur grafische Mittel zum Einsatz, sondern auch nuancenreich malerische. Es ist ein Hohbach typischer Gestus, der ohne sinnesbetonende Farbigkeit beeindruckend zu gestalten weiß.

Klaus Karsten

 

 

 

|    © Christian Hohbach    |    2015    |